Konzept und Intent: Unterschiedliches künstlerisches Vorgehen

Künstlergespräch mit Ingo Nussbaumer Teil 5

Mit:
Ingo Nussbaumer . Nina Gospodin
Aufgenommen am 08.05.2016 | Zuerst publiziert am 04.08.2016 auf www.dusagst.es

Im Folgenden findest du meine Lieblingspassagen aus dem Gespräch. Die Transkription wurde zum Teil gekürzt und zusammengefasst, um die Lesbarkeit zu verbessern.

Nina Gospodin | Wenn du jetzt auf diesen Aspekt der Poesis schaust: welche Antworten schöpfst du aus dem? Wieso hat das so eine Bedeutung für dich?

Ingo Nussbaumer | Welche Rolle kommt der Kunst zu?

Für mich hat das deswegen eine Bedeutung, weil das auch einerseits die Stellung der Kunst anbelangt. Welche Rolle spielt die Kunst in dem ganzen System. Wir bewegen uns ja heute sozusagen im systemischen Denken. Die Kunst ist nicht was Isoliertes. Das ist im ganzen Feld zu verankern. Und da stellt sich Erstens die Frage: welche Rolle kommt der Kunst hier zu? Und Zweitens: wie lässt sich die Wissenschaft erweitert denken und begreifen. Wohin tendiert überhaupt Wissenschaft? Was löst sie ab? Bestimmt löst sie bestimmte religiöse und spirituelle Bereiche ab, aus denen wir herauswachsen, könnte man jetzt vereinfacht ausdrücken. Fragen, die früher beantwortet wurden aus religiösem Zusammenhängen, auch ganz richtig beantwortet wurden für die damalige Gesellschaft aus bestimmten Zusammenhängen, die wurden heute abdelegiert. Wir finden heute teilweise bessere Antworten im wissenschaftlichen Bereich. Das heißt jetzt nicht, dass die grundsätzlich besser sind, sondern für uns sind sie nur besser geworden, glaubwürdiger geworden. Weil manche religiöse Felder sich auch in 

Konservativismen und sogar in reaktionäre Strömungen hineinbewegen, was für uns dann überhaupt ganz unglaubig wird. Deswegen müssen wir uns da hinausbewegen, aber auch in der Wissenschaft gibt es natürlich genügend Gefahren, weil es auch natürlich Dogmen innerhalb der Wissenschaft gibt. Und ich finde eben, der Wissenschaftsbegriff muss ein dehnbares Ganzes haben, muss flexibel sein. Das Hereinholen des Kunstbegriffs in den Wissenschaftsbegriff wäre jetzt eine mögliche Dehnbarmachung, Erweiterung des Wissenschaftsbegriffs, wo man eben dann auch Dinge abdecken kann, die vorher nicht abgedeckt worden sind.

Vielleicht muss man auch das ganze Erziehungssystem, oder Bildungssystem neu denken anfangen und schauen, wie wir das auch den jüngeren Generationen wieder vermitteln können, damit die an dem weiterarbeiten können und es für die ganze Gesellschaft natürlich wieder eine Bedeutung bekommt. Das ist die Frage, die mich da indirekt beschäftigt hat. Wo ich mich gefragt habe: wie lässt sich das System erweitern, 

sodass man Dinge hereinholt, die früher nicht so drinnen waren? Dass man das ins Irrationale abgrenzt und sagt: „Na ja, Kunst ist nur eine persönliche Angelegenheit.“ So ähnlich wie man sagt: „Na ja, Religion ist rein persönlich.“ Das ist es eben nicht. Ich finde, das ist es eben nicht. Da macht man es sich zu leicht, wenn man das sagen würde. Oder Kunst ist nur subjektiv, wie man das auch oft sagt. So simpel ist das alles nicht. Wenn man sich näher damit beschäftigt merkt man, dass all diese Begrifflichkeiten nicht so einfach zu handhaben sind. Sondern dass es nur im besten Fall Schablonen sind, mit denen man halt mal umgeht. Aber wenn man jetzt seriöser dran arbeitet oder versucht diese Dinge ein bisschen tiefsinniger zu fassen, dann kommt man mit diesen Begriffen nicht aus, sondern muss sie flexibler denken. Und mal fragen: „Na ja, was heißt denn überhaupt subjektiv? Was heißt objektiv? Wie verwenden wir diesen Ausdruck?“ Und da kommen wir natürlich auf die theoretischen philosophischen Fragestellungen.

Nina Gospodin | Was Eigenes aus sich heraus zu machen ist echt schwer.

Ich finde das MACHEN total interessant, weil ich finde, dass damit sehr viele Hürden verbunden sind wirklich was zu tun. Nicht was zu machen, was einem gesagt

wird. Das geht noch halbwegs. Man lernt dann irgendwie die Strategien, um Aufgaben zu lösen. Und dann lernt man irgendwie einen Weg wie man das

macht und dann macht man das. Aber wenn man aus sich heraus etwas schöpfen will, oder kreieren will ...

Ingo Nussbaumer | Poiesis

Genau, das ist das Poetische. Das ist dieser Begriff, den wir erst näher eingrenzen müssen. Ich verstehe ja selber

nicht alles davon. Aber der Punkt ist der, dass man schon eine Begrifflichkeit oder sagen wir eine Hülle hat,

ein Wort zumindest zur Verfügung, mit dem man das einkreisen kann.

Nina Gospodin | Manchmal muss man etwas tun oder erzeugen, um den nächsten Schritt setzen zu können.

Ich hatte ein bisschen das Glück naturwissenschaftlich und kreativ gut zu sein. Aber dadurch war ich auch immer sehr zersplittert. Ich bin dann auch erstmal komplett rein ins Technische. Mich hat es immer gereizt sehr schwierige Probleme zu lösen. Ich habe aber im Prinzip mit Zettel und Stift oder am Computer mein Hirn irgendwie angestrengt. Dabei habe ich gemerkt, wie es aber auch meine Kreativität auffrisst. Man kann sagen, es ist zu einem gewissen Grad kreativ, aber es war dann halt auch für andere Dinge kein Platz mehr. Und was mich so gestört hat, war diese Fremdbestimmung.

Ich habe mir immer vorgestellt, es ist so ein bisschen wie Alchemie. Man probiert hier ein bisschen und da ein bisschen, aber letztendlich fühlte ich mich eigentlich zu fremdbestimmt, um dann meine ganze Energie und Schöpfungskraft eigentlich in Fragestellungen, die mir vorgesetzt werden, reinzustecken.

Dadurch, dass ich diese Schule durchgemacht habe, habe ich so gedacht: Geil, ich mache ein Brainstorming. Ich mache Excel auf und eine Tabelle. Muss ich ja echt gestehen, dass ich wirklich so viele Tools, die Gestalter

zum Beispiel oder Künstler nutzen, mir nie erschlossen hatte bis ich Mitte Zwanzig war. Weil ich das erstmal habe sein lassen. Und dann sehr stark damit kämpfen musste in dieses Tun zu kommen, weil ich immer dachte: Na ja, ich muss es doch nur gut genug durchdenken und dann umsetzen. Also dann die Schritte einleiten und dann muss es doch da sein. Und ich muss aber sagen, das funktioniert im Künstlerischen nicht.

Ingo Nussbaumer | Konzeptuelles und intentionelles Vorgehen in der Kunst

Ich nenne das den konzeptuellen Weg. Man geht sozusagen von der Überlegung aus und beginnt sie in die Stofflichkeit hineinzuarbeiten. Man schaut dann, wie weit sich das Konzept dort realisieren lässt oder nicht. Aber das ist nur EIN Weg, den die Kunst beschreitet. Das ist eben das Tolle an der Kunst.

Ich nenne zur KONZEPTUELLEN Gestaltung die sogenannte INTENTIONELLE Gestaltung. Der Ausdruck INTENTIO kommt aus dem Lateinischen. Man verbindet immer den Begriff der Absicht damit: Intention ist einfach die Absicht, die man hat. Das würde das eben nicht beschreiben. Man geht eigentlich von der

 

Wahrnehmung aus und erfasst in der Wahrnehmung eine bestimmte Möglichkeit oder Fähigkeit, die in der Stofflichkeit oder in der Wahrnehmung selber drinnen liegt. Man geht von der Wahrnehmung aus, von der Stofflichkeit aus und versucht sich einen Begriff davon im Tun, aus dem Machen und Tun zu erobern.

Ein Bildhauer weiß genau wie er mit einem Stein umgehen muss und wie er mit einem Holz umgehen muss. Der erfasst die Fähigkeit des Holzes und des Steins. Und er bearbeitet den Stein anders als das Holz, weil das eben unterschiedliche Materialien sind. Das ist intentionale Gestaltung, weil es sozusagen mit diesen

Wahrnehmungsfähigkeiten operiert. Das ist der Unterschied zur konzeptuellen Gestaltung. So habe ich das mal versucht klarzulegen, damit deutlich wird, dass es hier zwei Wege gibt, wie man auf etwas zugeht. Einerseits bloß über eine Begrifflichkeit, die man sich ausdenkt und dann versucht die Stoffe einzupassen, um zu schauen, ob es funktioniert oder nicht. Oder man geht von der Wahrnehmung aus und versucht sich daraus eine Fähigkeit begrifflich zu bilden durchs Tun, um dann zu sehen, was ich mit diesem Stoff leisten kann.

Nina Gospodin | Welche Rolle spielt dabei das Handwerk?

Aber warum ist es dann so, dass eigentlich die Werkstätten und Handwerkstechniken und sowas, dass von der Tendenz eher gesagt wird: Na ja, ist eigentlich nicht so wichtig. Man braucht ja schon eine handwerkliche Ausbildung letztendlich, oder nicht?

Ingo Nussbaumer | Das künstlerische Handeln ist nicht fesgelegt. Es geht schöpferisch und kreativ mit überlieferten Techniken um, hält sich an Regeln aber hinterfragt und bricht diese auch.

Das hat zwei Seiten. Die handwerkliche Seite ist natürlich wichtig und gut. Das steht für mich jetzt außer Debatte. Aber was da auf der handwerklichen Seite sein könnte, besteht darin, dass man einfach eine bestimmte Technik tradiert hat. Das heißt, man sieht dann diesen Stoff nur unter diesem Aspekt, den man tradierterweise über die Schule oder wie immer auch gelernt hat. Wenn man jetzt die Technik überbetont, die handwerkliche Seite überbetont, besteht die Gefahr, dass man eigentlich nicht mehr schöpferisch mit dem Stoff umgeht. Das bricht der Künstler ja immer wieder auf, oder der künstlerische Mensch. Ich würde mal sagen, dass jeder Mensch ja auch künstlerisch in irgendeiner 

Form veranlagt ist, schöpferisch ist. Der Techniker probiert auch immer Dinge aus. Der geht sozusagen kreativ, poitetisch damit um. Das heißt, er versucht neue Fähigkeiten in dem Material zu entdecken. Und da kann unter Umständen eine vorgeschriebene Technik, eine Tradition, etwas Tradiertes sozusagen, ein Hindernis sein. Und der Künstler versucht eben diese Regeln zu brechen. Das ist, finde ich, das Typische des künstlerischen Zugangs. Dass Regeln, die sich eingeschleust haben oder die man sich selber auch geschaffen hat, dass die einfach hinterfragt werden und gebrochen werden. Das ist die Freiheit des künstlerischen Tuns. Und das ist auch das Schöne an 

dem künstlerischen Tun, weil ich muss mich nie festlegen. Ich kann mich festlegen aus freien Stücken, aber ich muss mich nicht festlegen.

Wenn ich eine Technik erobert habe, dann kann ich sie nächstes Mal wieder hinterfragen anfangen und völlig neu anfangen. Und das macht dieses schöpferische Tun, kreative Tun aus. Ich würde meinen, dass man im künstlerischen Prozess diese Dinge besonders lernen kann. Deswegen ist Handwerk zwar eine Basis, die aber auch ständig hinterfragt wird.

Nina Gospodin | Diskrepanz zwischen Idee und Umsetzung

Ich kenne auch ein bisschen diese Perspektive von Leuten, die sich fragen, was soll das alles oder was steckt dahinter? Für mich war es auch so ein Schritt zu sehen, ich mache dann was und es ist dann natürlich

wieder ganz anders als man eigentlich will. Also man nähert sich an. Ich finde es interessant hinter dem Tun, steht bei mir oft eine Fantasie. Man stellt sich was vor und denkt: jetzt nehme ich mir die Pappe oder den Stein

und bringe es zusammen. Und ist dann am Ende konfrontiert mit irgendwas und hat dann dieses Werk im Prinzip. Und es ist meistens, also bei mir, noch immer irgendwas komplett anderes als gedacht.

Ingo Nussbaumer | Man befindet sich auf einer Spur.

Natürlich sieht man auch, dass manches nicht so herauskommt, wie man es gerne hätte vielleicht, oder erst auf der Spur dorthin ist. Aber vieles ist eine Frage der Zeit, würde ich sagen.

Nina Gospodin | Man kann Entscheidungen aus dem Ausprobieren treffen.

Das Witzige ist aber: man muss das tun, weil man könnte dieses Tun nicht überspringen. Beziehungsweise kann man halt bestimmte Entscheidungen auch erst auf der Basis wieder treffen. Das finde ich so reizvoll im Künstlerischen.

Ingo Nussbaumer | Das Künstlerische bewahrt sich immer eine Lockerheit, aus der heraus Sprünge möglich sind.

Ja, das ist ein Stufensystem, das sich aufbaut. Im Grunde genommen erklimmt man vielleicht die nächste Stufe und dann erklimmt man wieder die nächste Stufe und so weiter und so fort. Und manche Stufen müssen auch gar nicht theoretisch durchdrungen sein. Das ist der Unterschied vielleicht zur Wissenschaft. Weil in der Wissenschaft müssen wir ein Regelsystem tatsächlich völlig beherrschen, auch wissen, wie die Regeln funktionieren. Um dann vielleicht auf eine nächste Stufe kommen zu können. Wobei, da könnte man jetzt auch viel darüber diskutieren wie der Wissenschaftsbegriff  von Wissenschaftstheoretikern oder 

 

Wissenschaftshistorikern gesehen wird. Dass ja oft viele Entdeckungen und Erfindungen gerade daraus hervorgehen. Thomas Kuhn wäre jetzt ein Beispiel. Er hat das thematisiert. Eben wo die wissenschaftlichen Revolutionen vom Menschen gemacht werden, die nicht ganz in der Schulwissenschaft etabliert sind und sich meistens in zwei oder drei verschiedenen Theorievarianten oder Ausprägungsvarianten bewegen. Und aus dieser Unentschlossenheit, in der sie selber drinnen stecken, gerade dann zu den neuen Entdeckungen und Erfindungen kommen. Das ist fast ein künstlerischer Zugang, könnte man meinen. 

Weil man ist nicht ganz an das Regelsystem gebunden. Das zeichnet vielleicht das Künstlerische aus, dass man immer so eine gewisse Lockerheit bewahrt, trotz Strenge, die man sich auch manchmal bewahren oder erarbeiten muss. Diese Lockerheit, aus der heraus dann diese Sprünge möglich werden. Ohne, dass die vorgehende Stufe jetzt vollkommen durchdrungen ist. Die überwindet man einfach, ohne da in diesem Ganzen sich so völlig starr aufzuhalten und es auszuloten. Kann natürlich auch interessant sein. Aber das Schöne ist, dass man eben da mehr springen kann.

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