Interessen verbinden: z. B. Malerei und Philosophie

Künstlergespräch mit Ingo Nussbaumer Teil 3

Mit:
Ingo Nussbaumer . Nina Gospodin
Aufgenommen am 08.05.2016 | Zuerst publiziert am 04.08.2016 auf www.dusagst.es

Im Folgenden findest du meine Lieblingspassagen aus dem Gespräch. Die Transkription wurde zum Teil gekürzt und zusammengefasst, um die Lesbarkeit zu verbessern.

Nina Gospodin | Bist du dann zur Aufnahme-Prüfung gegangen für Malerei nach der Matura und hast gesagt »Leute, mich interessieren Farbräume«?

Ingo Nussbaumer | Malereistudium

Ich hatte so mit vierzehn Jahren so eine Phase des fantastischen Realismus. Der Dalí hat mich damals natürlich sehr interessiert. Das hat sich dann relativ schnell abgebaut. Ich habe irgendwie gemerkt: im Grunde genommen sind die Renaissance-Künstler viel interessanter. Also das war so mit fünfzehn. Da habe ich so die Renaissance-Kunst eigentlich entdeckt. Da fuhr ich ja auch viel nach Italien und habe da natürlich die Originale gesehen. Ich glaube, das ist auch so ein springender Punkt: Originale zu sehen. Das ist für die bildende Kunst total wichtig, dass man das nicht nur aus Büchern kennt. Meine Eltern hatten zum Glück eine Bibliothek und vor allem so ein großes dickes Kunstbuch. Da habe ich ständig drinnen geblättert und mir immer wieder die Bilder angesehen. Ich habe  dann natürlich selbstständig auch noch Dinge angeschaut. Aber natürlich im Original das dann zu sehen, das war dann schon noch mal ein Schritt nach vorne, würde ich

sagen. Da habe ich dann auch kapiert: "Ah, die können mit Farbe schon ziemlich gut umgehen die Renaissance-Künstler". Da waren die fantastischen Realisten untendurch bei mir. Wie ich damals die Farbform entdeckte ja, da habe ich schon gemerkt, dass auch in der Renaissance das mit vielleicht ansatzweise da war, aber völlig anders gelöst wurde, weil das natürlich unter einem anderen Konzept stand, sage ich jetzt mal so. Aber gewisse Tiefen, malerische Tiefen, sage ich jetzt mal, die gab es natürlich klarer Weise damals in der Renaissance auch schon, die sehr modern für mich wirkten.

Mir war die Farbe immer wichtig. Ja, also das war immer von Anfang an ein entscheidender Faktor bei mir. Eben seit dieser Entdeckung der Farbform. Und so bin ich dann wie von selbst relativ schnell in die abstrakte Kunst hineingeschlittert. Habe Paul Klee entdeckt, Kandinsky 

entdeckt mit 17 ungefähr. Und habe dann auch gesehen, ja die machen das, was ich die Farbform teilweise nenne. Ja. Und habe mich daran dann weiter orientiert und habe dann gesehen, dass in Wien kein Studium möglich ist, das diese Impulse sozusagen aufgegriffen hätte. Also es gab damals den fantastischen Realismus hauptsächlich an der Uni. Sicher gab es dann vielleicht einige auch noch, die ich nicht so kannte damals, aber deswegen war so meine Idee irgendwie, ins Ausland zu gehen, eben in die Schweiz zu gehen nach der Matura.

Nina Gospodin | Wie war das dann im beruflichen Werdegang mit dem Kunstmarkt?

Aber so bei dem beruflichen Werdegang finde ich den Kunstmarkt auch immer so spannend natürlich, weil wenn man von außen drauf schaut, ist der Kunstmarkt irgendwie so ein amorphes Ding.

Ingo Nussbaumer | Orientieren und Handeln nach dem Kunststudium

Ja, ist auch eine schwierige Sache, der Kunstmarkt. Also ich bin ja auch in einer Generation groß geworden, wo zunächst das Establishment angegriffen wurde. Also das heißt, wir haben uns nicht so einfach in diesen Kunstmarkt hineinbewegt, wie das heute vielleicht so üblich ist, wo man weniger Barrieren zum Kunstmarkt hat, auch als junger Künstler oder Künstlerin. Sondern für uns waren viele Dinge einfach auch ein rotes Tuch. Ja, weil das vom Establishment besetzt war. Und ja, weil

immer die alten Hasen ihr Spielchen trieben und wir uns schon auch dagegen ein bisschen  zur Wehr gesetzt haben. Innerlich sage ich jetzt mal. Äußerlich waren wir ja eh relativ harmlos. Wir haben halt gemalt und haben halt andere Wege beschritten. Das ist etwas Typisches, glaube ich, was in meine Generation gehört oder auch in die ein bisschen Generation davor: dass man sich gegen bestimmte Einrichtungen, die die Gesellschaft natürlich hatte, versucht hat, auch zu wehren. Und deswegen

waren wir nicht so marktorientiert am Anfang. Das habe ich auch erst lernen müssen. Also ich musste erst im Laufe der Jahre wieder lernen, dass es ein Teil dieses ganzen Betriebes ist und des Geschehens ist, und habe da viel umgedacht. Ja, also es war auch damals üblich, während dem Studium hatte man keine Ausstellungen. Und wenn man eine Ausstellung hatte, war das nur mit Erlaubnis, mit Genehmigung von oben.

Nina Gospodin | Und hattest du dann so einen Meister?

Ingo Nussbaumer

Ja, es gab einen, den Hans Hermann. Das war mein Professor, bei dem ich hauptsächlich gelernt habe und der natürlich auch eigene Wege beschritten hat. Und ich habe mich dann auch wegbewegt von ihm, ist klar. Aber

das Entscheidende war, glaube ich, mit all diesen Dingen konfrontiert zu werden: dass in der Schweiz auch traditionell weiterverfolgt worden ist, was aus dem Bauhaus kam und was aus der konkreten Kunst kam.

Was ja auch eine typische schweizer Bewegung teilweise ist - zumindest, weil sehr viele Schweizer eben diese Richtung verfolgt haben. Anschließend bin ich ja nach Salzburg gegangen, um Philosophie zu studieren.

Nina Gospodin | Hat dir das Malen bestimmte Antworten nicht geliefert oder wie bist du dann nochmal zur Philosophie eigentlich rein?

Genau. Und das hat mich nochmal interessiert, weil du ja eigentlich so wusstest schon, also du hattest schon so eine konkrete Frage.

Ingo Nussbaumer | Ich wollte mehr von der Malerei durchschauen mithilfe von Begriffen

Nein, es war eigentlich so, dass ich eben dieses Parallelinteresse hatte. Es hat mich immer irgendwie interessiert. Sicher, ich würde am Anfang sagen, waren mir auch bestimmt spirituelle Fragen so, ja die eben mich beschäftigt haben. Ich würde sagen, die Hippie-Zeit hat das damals aufgerissen und plötzlich Dinge wurden diskutiert, die aus der indischen Kultur kamen, Reinkarnationen und was weiß ich noch alles. Das hat mich natürlich auch alles beschäftigt. Ich habe da so ein Buch über Mystiker gelesen. Also mit fünfzehn, sechzehn.

Bei mir hat sich das eher dann in die Philosophie stärker niedergeschlagen. Also letzten Endes war die Philosophie mehr der rationale oder denkerische Aspekt, der für mich da im Vordergrund lag, weniger das bloße Erleben. Also vielleicht kann man es so sagen ja. Und deswegen hat mich das auch parallel dazu ständig interessiert. Auch während meinem Malerei-Studium habe ich Hegel gelesen und all diese Bücher, die

vielleicht damals auch aktuell diskutiert worden sind. Adorno und auch diese Frankfurter Schule war damals sehr diskutiert, hat mich aber nur am Rande ein bisschen beschäftigt. Kam dann immer wieder auf die großen Klassiker eigentlich zurück. Kant war, glaube ich, einer der wichtigsten Philosophen in dieser Zeit. Und dann eben wollte ich auch über zeitgenössische Philosophie konkreter Bescheid wissen. Also sei es jetzt Popper oder die ganze analytische Philosophie, die Entwicklung der Logik und so weiter, die im 20. Jahrhundert einen riesen Aufschwung genommen hat oder mit dem Beginn des 20. Jahrhundert. Husserl und all diese Leute, die total wichtig für mich geworden sind jetzt während meinem Philosophie-Studium. Ich sehe es heute als Ergänzung zu meiner Malerei, obwohl immer wieder diese Spannung zwischen rationalistischen und eher emotionalen Zugang ja. Also die Malerei nimmt ja oder ich jedenfalls habe am Beginn sicher emotional den ersten Zugang gehabt zur Malerei. Das war keine rationale Überlegung. Deswegen auch dieser Begriff des

Dranges. Aus dem Inneren sozusagen wird man dorthin gedrängt. Und in der Philosophie sozusagen da spielen einfach begriffliche Dinge mehr eine Rolle. Was mich fasziniert hat ist eben, dass man sich auch ein Begriffsgerüst erarbeiten kann, mit dem man auch bestimmte Dinge besser durchschauen kann. Und eigentlich wollte ich das. Ich wollte mehr von der Malerei durchschauen mithilfe auch von Begriffen. Aber mir war immer klar und das ist vielleicht der Unterschied zu manchen Philosophen, sage ich jetzt mal so, zu wissen auch, dass diese Begriffe im besten Fall sozusagen so etwas wie ein Gerüst bilden können oder eine Brücke, die man hinterher sogar abreißt. Das heißt, man baut sich etwas auf, um etwas besser verstehen zu können, aber weiß, es bleibt unzulänglich. Und letzten Endes geht es noch um viel, viel mehr, was sich gar nicht so in Begriffe niederschlägt, aber mit Begriffen vielleicht besser orientiert werden können. So könnte man das ungefähr beschreiben.

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