Gedanken und Fragen zum Projekt: Null Stern Hotel

Künstlergespräch: Atelier für Sonderaufgaben Teil 4

Mit:
Frank und Patrik Riklin . Hannah Philomena Scheiber . Nina Gospodin
Aufgenommen am 6.9.2016 | Zuerst publiziert am 26.03.2016 auf www.dusagst.es

Im Folgenden findest du meine Lieblingspassagen aus dem Gespräch. Die hier verwendeten Fragen habe ich im Nachhinein zur Strukturierung hinzugenommen. Ansonsten ist der Text nur minimal für die Lesbarkeit angepasst und entspricht weitgehend dem Wortlaut von Frank und Patrik Riklin aus der Aufnahme.

Was war euer künstlerisches Anliegen beim Null Stern Hotel?

Das Ziel war ja auch mit nichts etwas zu machen und dabei den Luxus neu zu definieren. Eine Marke zu gründen: Null Stern. Aber innderhalb dieser Marke ein Konzept zu realisieren, das eigentlich gar nicht zu Null

Stern passt. Null Stern impliziert ja, dass du schlecht übernachten wirst: kein Service – es gibt nichts, außer dass es günstig ist. Das haben wir ein bisschen auf den Kopf gestellt. Wir haben die ‚Null‘ mit luxuiösen

Merkmalen versehen. Zum Beispiel gab’s da Butler-Service im Bunker. Das war natürlich ein Kontrast. Butler und Null Sterne – das passt nicht zusammen, weil der Butler kommt im 5 Sterne Hotel.

Wie hat die Hotel Branche auf euer Kunstprojekt reagiert?

Darauf hat natürlich die Industrie reagiert, weil wir gewissen Standards vermischt haben. Mit Standards, die über das Klassifizierungssystem geregelt sind. Ab wann bekommst du wieviele Sterne. Darauf haben sie uns natürlich angesprochen. Die Hotel Verbände haben gesagt: ihr seid ein 3 Sterne Hotel. Dann haben wir aber gesagt, wir möchten nicht ein 3 Sterne Hotel sein, sondern wir haben unser eigenes System. Null Stern ist ein eigenes System. Das hat eigene Regeln. Das hat nichts mit den Regeln des Hotelwahns zu tun. Dann gab’s Konflikt, natürlich.

Durch den Konflikt, den es dann gegeben hat, gab es

auch eine gewisse Öffentlichkeit. Irgendwann haben sie dann gespürt, dass es keinen Sinn macht, gegen die Kleinen anzukämpfen. Sie haben zunächst Angst gehabt, was wir da machen, dass das irgendwie negativen Einfluss hat auf ihr Gewerbe. Eine Nacht im Null Stern Hotel war ja nicht teuer, aber es war ja auch nicht billig. Es war vielleicht günstig, aber nicht billig. Du hast was gekriegt für dieses Geld.

Natürlich hat man sich vorstellen können, dass man das ausbauen könnte. Und daraus entsteht eine neue Welle und die Toursiten kommen in die Schweiz und übernachten in Bunkern und wandern von Bunker zu

Bunker. Da kam natürlich auch eine gewissen Angst dazu. Aber das gehört natürlich auch dazu, wenn du auf eine gewisse Weise eingreifst. Diese Konflikte haben sich dann gelegt, weil sie dann selber gemerkt haben, dass sie sich selbst ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie gegen uns ankämpfen.

Auch Leute, die dann irgendwann mit uns kooperieren wollen waren dann irgendwann enttäuscht, weil sie gemerkt haben: ah, das ist Kunst. Das ist gar nicht in dem Sinne ein realer Betrieb, der so funktioniert, wie jeder andere. Wir haben ganz klare Vorstellungen gehabt, wie das funktionieren soll.

Gebt ihr uns einen Einblick ins Konzept und zur Idee von Null Stern?

Es war unterm Strich mehr eine gesellschaftliche Intervention, als ein realer, banaler Betrieb. Es hat natürlich super viel Spaß gemacht, die Null aufzuladen. Die ‚Null‘ als etwas wertvolles darzustellen. Unabhängigkeit und Freiheit symbolisiert die Marke eigentlich. Wir lassen uns nicht diktieren, wie wir zu funktionieren haben.

Wenn sich eben die Kunst dort platziert, im System der Hotellerie, mit so einem Konzept, dann wird das 

natürlich abgestoßen. Wir bringen natürlich den Markt durcheinander. Wir könnten ja auch noch was abzapfen vom Kuchen, oder?! Das war die erste Angst. Die Hotellerie hat uns auch deswegen geschrieben. Die wollten auch juristische Wege einleiten, wenn wir nicht aufhören damit. Aber wo dann CNN und auch all die anderen Leute aus dem Ausland darüber berichtet haben, haben die natürlich Angst gekriegt. David gegen Goliath. Da schneiden wir uns nur selbst ins Fleisch. So intelligent waren sie natürlich schon. Gleichzeitig war ja 

unser Ziel auch nicht ein ökonomischer Betrieb, sondern es war natürlich auch eine Provokation. Ein ökonomisch befreites Konzept, eine ökonomisch befreite Idee in die Hotellerie zu verpflanzen. Wo man wirklich auch die neue Wertefrage in den Raum stellt: Was ist eigentlich Luxus?

Die Wertedefinition völlig neu formuliert.

Das Projekt Null Stern Hotel war sehr erfolgreich – wie seid ihr damit umgegangen?

Das Konzept war eben nie aufgegleist auf den Gedanken damit Geld zu verdienen. Deshalb war Null Stern ja Null Stern. Deshalb so frei und so interessant. Das Ganze entstand einfach nur daraus, dass man Ressourcen nutzt, die schon da sind und die neu kombiniert.

Zum Beispiel: in der Umsetzung mussten wir uns natürlich überlegen, wer macht die Arbeit, oder wer macht die Betten, wer macht den Check-In etc. Unsere Vorstellung war immer, dass das Leute sind aus der Gemeinde, die Zeit haben, die Lust haben, in diese Rolle zu schlüpfen, in diese phantastische Rolle des Butlers. Der eben nicht steif ist, wie der englische Butler, sondern eben Persönlichkeit zeigt. Der einfach Lust hat darauf. Ein Abenteurer.

Diese Figur wollten wir eben zelebrieren. Das waren natürlich wir als Künstler zu Beginn – vorgelebt. Irgendwann entstand daraus eine Kooperation mit einer Fachhochschule für Hotellerie. Die haben dann bei uns Praktikum gemacht. Das war natürlich ein super Feld. Da ging es natürlich ganz stark um Persönlichkeit, die sie da entwickeln konnten. Aber nicht wegen dem Geld. Natürlich konnten wir ihnen wegen der Übernachtungen das Minimum zahlen, aber das war eben die schwaze Null. Das war das Ziel. Das war eigentlich das Konzept, dass man so das Null Stern Hotel realisiert. Das hat auch funktioniert.

Aber dann, als wie expandieren wollten, war immer die Rendite der Stolperstein. Die Leute wollten Business

machen mit diesem Konzept. Wir haben gesagt: nein. Das ist kein banales Business. Das soll eine Intervention bleiben.

Zum Beispiel in jeder Gemeinde könnte man so ein Null Stern Hotel platzieren. In jeder Gemeinde könnte das funktionieren. Das wäre vielleicht eh so, wie eine Bühne, wo jeder versuchen kann Dinge zu realisieren, die sonst vielleicht gar nicht realisierbar wären. Das war unsere Vorstellung. Aber das haben wir nicht geschafft. Dieses Ideal, was wir eben in uns tragen, ist nciht so verbreitet. Also die Leute würden wahrscheinlich nicht ein Jahr lang gratis arbeiten für eine Geschichte und dann auch damit zufrieden sein.

Fazit zum Null Stern Hotel von Patrik Riklin

Die Kunst braucht eben auch genau solche Momente, weil sonst würde das ja auch gar nie geschehen. Diese Wirklichkeit würde sonst auch gar nie in Erfüllung gehen. Wir können ja auch nicht zaubern oder erzwingen. Die Kunst soll immer ungezwungen sein. Sie entsteht und sie ist echte, gelebte Kunst. Nicht eben nur Kunst, weil sie Kunst auf einem Sockel ist, den man nicht berühren sollte. Die größte Kunst für mich, wenn ich

jetzt so darüber rede, ist eigentlich, wie wir aus diesem Kunst-Konzept rausgekommen sind.Nicht mit der Idee, dass es abgeschlossen ist – das Kunstkonzept ist da, aber wir mussten uns regelrecht daraus befreien. Viele Leute haben uns so stark als Hotelier auf einmal angesprochen. Das hat richtig genervt. Ich bin ja vom Herzen aus nicht Hotelier.Ich habe schon Lust gehabt, ein Hotelkonzept einmal ins Leben zu rufen, aber das 

Konzept Null Stern funktioniert nur, wenn der Geist und diese Idee von Null Stern sich überschlägt in ein ökonomisch befreites Umfeld, wo man eben nicht wegen Geld arbeitet oder die Gastkultur lebt. Weil man eben nicht ein Hoel eröffnet, weil man sich denkt: okay, das bringt uns jetzt auch noch viele Einnahmen. Da funktioniert Null Stern selbstverständlich nicht.

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