FLIEGEN RETTEN IN DEPPENDORF gehört zu meinen Lieblingsarbeiten vom Atelier für Sonderaufgaben. Erfahre, wie die Künstler Frank und Patrik Riklin an das Projekt herangegangen sind

Künstlergespräch: Atelier für Sonderaufgaben Teil 3

Mit:
Frank und Patrik Riklin . Hannah Philomena Scheiber . Nina Gospodin
Aufgenommen am 6.9.2016 | Zuerst publiziert am 26.03.2016 auf www.dusagst.es

Im Folgenden findest du meine Lieblingspassagen aus dem Gespräch. Die hier verwendeten Fragen habe ich im Nachhinein zur Strukturierung hinzugenommen. Ansonsten ist der Text nur minimal für die Lesbarkeit angepasst und entspricht weitgehend dem Wortlaut von Frank und Patrik Riklin aus der Aufnahme.

Das Vorgehen am Beispiel der künstlerischen Arbeit "Fliegen Retten"

Bei FLIEGEN RETTEN zum Beispiel, da war das Erste: Ja, wie retten jetzt Fliegen. Allein das wirft schon ziemlich viele Fragen auf. [...] Man kann ja nicht irgendwie ein Dorf überfallen und sagen wir machen jetzt ein Projekt, das heißt „Fliegen Retten“. Es hat auch mit Psychologie zu tun. Wie geht man auf die Leute zu? Man muss sich überlegen: gibt’s in diesem Dorf irgendwie Schlüsselfiguren, die irgendwie gute Kontakte zu anderen haben. Gibt’s Vereine? Kann man irgendwie

einen Abend organisieren, wo man sich in der Feuerwehrhalle trifft? Dann macht man das Ganze auch ein bisschen spannender und sagt: Hey! Wir klären euch auf. Wir haben eine Idee. Vielleicht habt ihr ja Lust mitzumachen.

Dann entwickelt man Step-by-Step Gedanken für diese Geschichte. Man überfällt nicht irgendwie ungeduldig

ein Dorf oder Leute und überstülpt die dann einfach mit einer Idee, die unserer Kunst dann zu Gute kommt. Das würde nie funktionieren. Die Kunst funktioniert nur mit diesem Fingerspitzengefühl und diesem Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und mit den richtigen Leuten auch die richtigen Worte zu sprechen – und eben nicht zu viel und nicht zu wenig.

Kurzer Abstecher zum Mindset am Beispiel der Arbeit "Gipfeltreffen"

Gewisse Sachen vielleicht auch noch im Hintergrund zu halten, weil es die Leute sonst überfordert. Also da haben wir uns in den letzten 15 Jahren schone eine Intuition angelegt. Sonst hätten wir dieses Gipfeltreffen auch nicht geschafft. Wieso sollten sonst die Leute in die Schweiz kommen und auf einen Gipfel gehen und sich zusammen tun als Gegener für G8?! Sind das unsere Hampelmänner? Oder Schauspieler? Also wie

kriegen wir das hin, dass Leute aus Österreich, Italien, Schweiz, Deutschland und Lichtenstein wirklich allein schon emotional auf den Gedanken kommen: Lasst uns in die Schweiz fahren! Lasst uns die Leute treffen!

Das ist eben der Aspekt der Zeit. Das muss irgendwie auch natürlich vonstattengehen. Dann schaffst du auch diesen Moment der neuen Wirklichkeit. Dann ist es ja 

auch gelebt. Dann ist es eben nicht nur inszeniert. Dann ist es eben eine kuriose Mischung aus Inszenierung und echter Situation.

Vision als Künstler

Die Leute in Deppendorf, die haben das nicht komisch gefunden – nicht so komisch, wie die Leute von außen. Es gab ja auch diese Spannung zwischen den Medien. Radio Bielefeld, die haben sich eine Woche lang über diese Aktion lächerlich gemacht. Für die Leute in Deppendorf war das ganz eine andere Realität. Das war eine ganz andere Logik. Diese Konfrontation, die wir oft auslösen, von verschiedenen Logiken, die aufeinander prallen und das ist ja die Aufgabe der Kunst eigentlich. Nicht irgendwo einen Mainstream zu bedienen und zu sagen: jetzt machen wir Kunst, damit es möglichst vielen Leuten gefällt. Jetzt machen wir Kunst, die man dann möglichst gut ins Museum stellen kann, die man auch gut betrachten kann, die Leute anzieht – das interessiert uns nicht. Uns interessiert wirklich im ersten Sinn unsere Logik, die sich konfrontiert mit unserer Welt und unserer Außenwelt. Wir versuchen unsere

Gedanken und Ideen zu transplantieren ins System des Alltags.

Beim Fliegen-Retten-Projekt war natürlich ganz entscheidend, dass der unternehmer von Anfang an dabei war. Wir waren zu dritt im Dorf unterwegs und haben die Leute angesprochen. Dadurch, dass er dabei ist, schwingt die ganze Geschichte mit. Obwohl wir nicht alles erzählen, ist klar, es geht um einen Wandel. Ein Unternehmer, der Fliegen bekämpft und jetzt mit uns eine Aktion macht. Der sich durch diese Aktion, ja, eigentlich auf den Weg macht, sic ernsthaft Gedanken zu machen über sein Handeln als Unternehmer.

Je mehr er dabei war, umso enger wurde es für ihn. Also, er kann nicht mitmachen und dann sagen: ja, das war gut, aber jetzt gehe ich wieder. Das ist genau unsere

Aufgabe. Wir machen wirklich auch nur Dinge, die wir wirklich ernst meinen.

Unsere Vision als Künstler ist ja diese neue Wirklichkeit so zu verpflanzen, dass sie eben gelebt ist. Es ist authentisch. Dann gibt’s natürlich Konflikte. Diese Ebene ist dann die Bekämpfung. Sobald du an der Realität meißelst, meißelst du auch an Systemen und Normen. Sobald du an Systemen rüttelst, an Normen, an Gesetzen, an Regeln, oder am gewissen Normalen. Normal ist ja auch relativ: was ist normal und was abnormal? Sobald du beginnst an diesem Moment etwas auszulösen, dann gibt’s natürlich ganz schnell Leute, die sagen, das wollen wir nicht. Veränderung wollen wir nicht. Es ist alles in Ordnung. Kunst bitte dorthin stellen, wo sie hingehört, aber bitte nicht da.

Film als Metapher für Kunst: es läuft was ab, nur das Ende ist offen

Das ist unsere Aufgabe, dass wir längerfristig unserem Ziel und unserer Vision und unserem Kurs treu bleiben und diese Konflikte und diese Widerstände aushalten. Das ist für uns immer das Indiz dafür, dass wir uns treu bleiben. Solange wir polarisieren und im konstruktien Sinn auch provozieren, sind wir auf dem richtigen Weg. [...]

Es darf kein Theater sein. Das ist ganz wichtig. Wir träumen eher vom ewigen Theater. Es geht nicht darum den Leuten die Lust er Inszenierung überzustülpen, sondern [...] etwas auszulösen, was wirklich auch weiterzieht. Nicht nur für einen Abend. Nicht nur für eine Woche, sondern die Leute auch durch einen Prozess in eine andere Wirklichkeit hinein bringt. [...] Jeder kennt den Weg ins Kino. Die Leute gehen ins Kino und das Kino hat ja auch die Geschichte der Illusion. Es gibt ja auch viele Länder, da flüchtest du ins Kino, um dir die Illusion der schönen Welt für zwei Stunden, oder für einen kurzen Moment einzukaufen – einmal das Draußen zu vergessen. Das ist natürlich kulturell abhängig davon, wo du bist. Hier in der Schweiz

oder in Europa gehst du ins Kino mit der Sehnsucht: ah – ich möchte jetzt auch mal dieses Film-Erlebnis haben. Sobald du aus dem Kino raus gehst, ist dieses Film-Erlebnis auch schon wieder beendet. Der Alltag steht wieder vor der Tür. [...]

Warum kann mein Leben nicht auchso ein bisschen so sein, wie ein Film? Diese Phantasien, die im Film gezeigt werden, finden ja im normalen Leben oft nicht statt. Das hat eben auch mit diser Lust am Bauen einer Wirklichkeit zu tun. Ich baue mir eine Wirklichkeit, die eigentlich oft zu schön ist, um wahr zu sein. Man kann es gar nicht glauben, dass es stattfindet. Aber im Film ist es natürlich normal. Dort sagen alle: das ist ja wunderbar, dass sowas passiert. Aber sobald es draußen passiert, ist man skeptisch. Dann hat man vielleicht auch gar nicht mehr so ein Interesse daran, weil das ist dann irgendwie nicht real. Und das ist eine persönliche Faszination. So ein bisschen diese Übersetzung, diese Sprache der Dramaturgie, oder die Sprache vom Film, vom Theater zu übersetzen in den Alltag. Und eben auch zu leben. Das Leben ist ja dann

wie ein Film. Es läuft was ab, ohne zu wissen, wie es dann vielleicht endet.

Wir machen jetzt gerade eine Arbeit in Zürich, wo wir einen Telefonkörper, also ein klingelndes Telefon, in den Öffentlichen Raum stellen. Aber niemand weiß, für wen es eigentlich gedacht ist. Also Sender und Empfänger sind unbekannt.

Es gibt eine Filmszene von der fabelhaften Welt der Amelie, da wird ja der Moment inszeniert, wo das Telefon kingelt in dem Moment, wo er vorbei geht. Und zwar so lange, bis der Typ sich denkt: okay, ich heb mal ab. Und was passiert, wenn du so eine Geschichte real verpflanzt in der Stadt? Und es ist institutionalisiert – nicht nur für einen Abend, weil man eine lustige Idee hat. Es ist institutionalisiert, es gehört zur Stadt, dass es Anrufe gibt, die für niemanden gedacht sind, aber man kann abheben. Der Anruf ins Unbekannte, der Anruf ins Irgendwo – das hat eine Faszination.

 

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